Die Mramoraker und ihr Kirchweihfest

Als der Herbst voranschritt und die Feldarbeit getan war, standen die Mramoraker häufiger plaudernd beisammen und redeten über die bevorstehenden gemütlichen “Maja-abende”, die man mit Freunden und Verwandten in froher Runde verbrachte. Man sprach vom Schweineschlachten, Metzelsupp und “Würschtle-Singen, aber vor allem von dem mit Riesenschritten nahendem Kirchweihfest.

Wie schon der Name sagt, war es ein fest der Einweihung der Kirche im Herbst anno 1888. Seither wurde dieser Tag jedes Jahr am zweiten Sonntag im November feierlich begangen, und zwar mit Gottesdienst, Gesang und Gedenkstunde, soweit dies die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse erlaubten.

Schon unsere Urväter wussten ein solches Fest entsprechend würdig zu feiern. Küche und Keller boten stets das Beste für das leibliche Wohl der Familie und der Gäste. Die Jüngeren freuten sich auf das Vergnügen beim Tanz. Sie feierten so, wie ihre Vorfahren es gemacht hatten. Aus den alten Überlieferungen entwickelten sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte Sitten und Bräuche, die sowohl die Gestaltung als auch den Ablauf das Festes bis in alle Einzelheiten prägten.

 

Der große Tag war zu allen Zeiten der Kirchweihsonntag. Als äußeres Zeichen wurde ein Baum mit geschmückter Krone schon am Tage vorher aufgestellt. Eine Woche lang – so gebot es der Brauch – stand der Kirchweihbaum als Symbol vor den Wirtshäusern, bis er am Sonntag nach dem Fest heruntergelassen und das Ende des Festes ankündigte. Es war ein fröhliches Fest, zudem viele Leute kamen. Alle wollten dabei sein, alle wollten etwas hören und sehen und wollten auch gesehen werden. Nichts sollte ihnen entgehen. Sie waren bereit mitzumachen, mitzuspielen, mitzutanzen und etwas zu erleben. Es war deshalb nicht nur ein Fest der Kirche, sondern das große Fest des Jahres für die Alten und die Jungen.

Schon lange vorher, wenn Mädchen oder Buben mit ihresgleichen zusammenkamen, sprach man vom Kirchweihfest. Die Gedanken daran ließen niemanden mehr los. Ob dies Heranwachsende Mädchen waren, die zum ersten Mal in “Weiß” (Tanzkleidung) zum Tanz gehen durften, oder junge Buben, die sich ebenfalls zum ersten Mal auf den Tanzboden wagten, vielleicht auch ältere Jahrgänge, die bereits Heiratsgedanken hatten und entsprechend Ausschau halten wollten, und auch diejenigen, die der Freude wegen dabei sein wollten, sie alle wurden unaufhaltsam in den Bann des Festes hineingezogen.

 

Väter und Mütter waren vollauf mit Vorbereitungen beschäftigt. Die Männer kümmerten sich um Haus und Hof, Scheune, Keller und Stall; sorgten für das Vieh und für eine gute Lagerung der Vorräte. Außerdem hatten sie die Gäste mit Ross und Wagen vom Bahnhof abzuholen. Kamen diese mit eigenem Gespann, Mustern die Pferde untergebracht und versorgt werden. Indessen wirkten die Frauen im Hause. Es wurde geputzt und geschrubbt, bis alles nur so glänzte. Die Hausfassaden bekamen einen neuen Anstrich und damit das ganze Dorf ein festliches Aussehen.

Tanztracht und Kleidung erforderten große Sorgfalt. Die vielen Unterröcke, Oberröcke, Schürzen und was sonst noch dazu gehörte, wurde gewaschen, gestärkt und gebügelt. Der Stoff für den neuen Kirchweihrock wurde rechtzeitig gekauft und genäht. Er durfte erst beim Montagstanz getragen werden und blieb bis dahin ein streng gehütetes Geheimnis von Mutter und Tochter. Mitunter kostete er sehr viel Geld. Bei einem derartigen Gespräch zwischen zwei Müttern sagte eine: Ich kaufe meiner Tochter einen “Organdi-Rock” (sehr teurer Stoff). Die Angesprochene biss die Zähne zusammen, eilte nach Hause und sagte zu ihrer Tochter: “Und wenn ich noch zwei Wagen Kukuruz verkaufen muss, du kriegst auch einen Organdi-Rock“.

Wenn die ersten Gäste aus Franzfeld, Karlsdorf, Heideschütz oder sonst woher im Ort ankamen, war jedes Haus bestens vorbereitet und das Fest konnte beginnen. Viele der Gäste waren schon öfters hier, sie schätzten die Mramoraker Gastfreundschaft und den guten Wein.

Im Jahre 1938 feierte die Gemeinde Mramorak ihr 50-jähriges Bestehen der Kirche. Aus diesem Anlass besuchte uns der Landesbischof Herr Doktor Philipp Popp. Eine Reitereskorte empfing hin am Dorfanfang und begleitete ihn zu seinem Gastgeber, Herrn Pfarrer Lang. In der Abenddämmerung brachte ihm die Musikkapelle ein Ständchen. Unter anderem ertönte die wunderschöne Melodie “Die Post im Walde” und die herrlichen Töne des Trompetensolos brachen sich an der hohen Kirchenfassade, von woher sie als leises Echo in den stillen Dorfgassen verklangen. Die Zuhörer dankten mit reichem Beifall.

Aus den Gärten wurden korbweise Blumen gebracht. Fleißige Frauen und Mädchenhände banden Sträuße, flochten Girlanden als Schmuck für Kirche und Altar. Die Wirtshäuser wurden auch dekoriert. Die Buben waren sich in ihrer Kameradschaft einig, wer von ihnen “Straußbub” werden soll. Der Sitte nach wurde derjenige “Straußbub, der beim Eröffnungstanz am Sonntagnachmittag mit seinem Mädchen (Mensch) tanzend als erster den Saal umrundet hatte. In den meisten Fällen war das eine besprochene Sache, denn es kostete viel Geld, was sich nicht jeder leisten konnte.

Am Samstagvormittag holten die Buben die Baumkrone aus dem Wald. Mit herausgeputzten Pferden und Wagen trabten sie durch das Dorf, schwenkten Weinflaschen und riefen: “Buwe, was hem mir heut?”, “Kirweih!!!” Im Wirtshaus angelangt wurde die schwere Fichtenkrone an den alljährlich wiederverwendeten langen Stamm angepasst und mit Eisenbändern angeschmiedet. Mädchen zierten zusammen mit der Wirtin die Krone mit bunten Bändern, Wein-, Bier- und Schnapsflaschen. Der Stamm wurde mit langen Girlanden aus verschiedenfarbigen Kirchweihblumen umwickelt.



Viele Zuschauer drängten sich schon am frühen Nachmittag vor den Wirtshäusern, um beim Aufstellen des Kirchweihbaumes zu sehen. Die Blaskapelle spielte zum Auftakt einen Marsch. Die Buben in hochgekrempelten Hemdsärmeln packten mit vereinten Kräften zu. Auf “Ho ruck” hoben sie die schwere Last an und trugen den langen Stamm mit Krone bis vor das Wirtshaus. Das Loch war gegraben, Stangen, zu Scheren verbunden, lagen bereit. Drei lange Hanfseile wurden oben festgemacht und an jedem Ende standen 6 – 8 Mann bereit. Mit viel Kraft stemmten andere Burschen den Baum hoch und stützten in mit Scheren ab. Höher und höher schwebte der Baum, von den Seilmannschaften balanciert, bis er senkrecht stand. Das Loch wurde zugeschüttet, angestampft und die Halteseile befestigt. So stand der Baum gegen Wind und Wetter gut gesichert. 15 Meter oder noch mehr ragte er in den Himmel. Hoch über die Dächer der Häuser schaute er über´s ganze Dorf hinweg und kündigte allen Bewohnern an, dass die Kirchweih begonnen hat. Die schwere Arbeit der Aufsteller wurde von der Kapelle mit einigen Tänzen belobt.

Zum Eröffnungstanz am Abend kamen die Mädchen in dunklen Faltenröcken, Schürzen und hellen Blusen. An diesem Abend, so wollte es der Brauch, suchte sich jedes Mädchen den Buben aus, mit dem es am Sonntag um Mitternacht “Kaffee-Essen” wollte. Für die Buben, die ein ”festes Mensch” (feste Freundin,) und die Mädchen, die einen “festen Busch” (fester Freund) hatten, war alles klar. Probleme gab es allerdings für die Jüngsten, die zum ersten Mal am Tanz teilnahmen und diejenigen, die noch keinen Partner hatten. Sie mussten einen ihrer Tänzer Fragen: “Gehst du mit mir Kaffee-Essen?”.

Die Mädchen versammelten sich im Tanzsaal. Und manche von ihnen grübelte darüber nach: “Ob er schon was gemerkt hat? Eigentlich mag ich ihn; hoffentlich holt er mich? – Dann frag ich: “Gehst du mit?” Sie bildeten einen großen Bogen, Arm in Arm, links die älteren, ganz rechts die jüngsten, viele mit klopfendem, ja bebendem Herzen. Die Spannung war bei Mädchen und Burschen gleich groß. Die Buben im angrenzenden Bubenzimmer saßen in Kameradschaften geschlossen an den Tischen, in ihren Gläsern schäumte das Bier oder funkelte der Wein. Ihre Gedanken waren ähnlich, hoffte doch auch jeder Bursch, dass sie ihn auch mag und einladen wird. Plötzlich wurden die Gedanken der jungen Leute unterbrochen, und die Musik spielt jetzt zum Tanze auf. Die Buben eilten in den Saal schnurstracks zu ihrer Auserwählten und forderten sie mit leichter Verbeugung zum ersten Tanz auf. Danach tanzten die Buben mit den Mädchen ihrer Kameradschaft sowie mit Verwandten und Bekannten. Wenn die Kapelle gegen 22 Uhr den Abschlusstanz des Abends ankündigte, tanzten alle Kirchweihburschen mit ihrem Kirchweihmädchen, wie sie sich für das “Kaffee-Essen” zusammengefunden hatten.

Nicht selten gab es Überraschungen. Vor allem für die zuschauenden Mütter und Tanten, wenn sie feststellen mussten, dass ihre geheimen Wünsche nicht in Erfüllung gegangen sind.

Der Höhepunkt der kirchlichen Feier bildete der Sonntagsgottesdienst. Frühzeitiger als sonst, schon beim ersten Läuten, kamen die Familien mit ihren Gästen. Oft war die Kirche bereits voll besetzt, wenn es mit allen drei Glocken zusammenläutete. In der Kirche war den Frauen die linke, den Männern die rechte Seite vorbehalten. Die Presbyter (Kirchenälteste) nahmen in den in Längsrichtung stehenden Bänken Platz. Das Gestühl rechts vor dem Altar war für die Familie Huber und die Pfarrfamilie reserviert. Die Plätze der Kinder befanden sich vorne und die des Männergesangvereines auf der Empore neben der Orgel. In den Gottesdienst eingeflochten war stets ein Rückblick in die Geschichte der Kirche. Pfarrer und Bischof gedachten unserer Gro- und Urgroßväter. Sie zollten ihnen Anerkennung für den Mut und den Weitblick, der sie bewog, eine Kirche zu bauen, deren Größe noch nach 50 Jahren ausreichte und der ständig größer gewordenen Gemeinde genügend Platz bot. Für die geleistete Arbeit von der Grundsteinlegung bis zur Vollendung wurde ihnen gedankt. Das Lied, besonders gern an diesem Tage gesungen, “eine feste Burg ist unser Gott”, erklang in all den vielen Jahren und erlangte Kirchweihtradition, die bis in die Gegenwart erhalten blieb, fällt doch das Fest in die Zeit des Reformationstages.

Das Mittagessen im Kreise der Familie entsprach der Würde des Tages. Nach der Suppe gab es gekochtes Fleisch mit Kren oder Soße, danach Schwein- oder Geflügelbraten mit Kraut und Selleriesalat; auch Dunst (eingemachtes Obst) war beliebt. Als Nachtisch folgten Torten und Kuchen aller Art. Das Hausgetränk, der gute Mramoraker Wein, den die Franzfelder scherzhaft “Sandbrühe” nannten, fehlte bei keiner Mahlzeit. Er schmeckte zum Braten, zum Kuchen und hinterher erst recht gut! Gerade die Franzfelder schauten des Öfteren zu tief in´s “Sandbrühglas” und so mancher bekam schneller als erwartet einen Schwips, woran die Gastgeber besonderen Spaß hatten. Nach dem ausgiebigen Essen rauchten die Männer gemütlich ihren Tabak. Oft zu gemütlich für die jungen Leute. Die hatten es eilig, denn um 14:30 Uhr begann der große Kirchweihtanz und den “ersten” (Tanz) durften sie keinesfalls versäumen.

Bei den Buben war das Anziehen eine einfache Angelegenheit. Die Mutter hatte das Gewand bereits zurechtgelegt. Schnell hinein in das frische Hemd, In die Hose und Janker (Sakko). Am Schluss noch einen Blick in den Spiegel, ob der Scheitel auch gerade, der Hemdkragen richtig saß, und schon war der junge Bursch fertig.

Ganz anders vollzog sich die Prozedur bei den Mädchen. Obwohl ebenfalls alles bereit lag, dauerte das Anziehen eine Ewigkeit. Zuerst wurden die Haare glattgekämmt, oberhalb der Stirnpartie zu Wellen gelegt, Zöpfe geflochten, zu einem Kranz auf dem Kopf geordnet, mit Haarnadeln festgesteckt und mit einem Samtband festgehalten. Ganz vorsichtig, um die Frisur nicht zu beeinträchtigen, wurde das blütenweiße Hemd mit spitzenbesetztem Halsausschnitt und Puffärmeln angezogen. Dann folgten nacheinander drei, vier, mitunter auch fünf frisch gestärkte mit Zacken umschlungene Unterröcke, die einzeln über den Kopf gezogen und in der Taille festgemacht wurden. Endlich folgte der Oberrock. Ein Traum aus durchsichtigem Stoff oder Seide, der die Stickereien der Unterröcke erst richtig zur Geltung brachte. Zum Schluss wurde die Schürze umgelegt und hinten mit einer großen Masche (Schleife) festgebunden. Mit ihrem feinen eingesetzten und umsäumten Spitzen war sie das Prachtstück der weißen Tanztracht. Das ärmellose schwarze Samtmieder war der Figur angepasst und wurde vorne zugeknöpft. Es betonte die zarte Weiblichkeit des jungen Mädchens ganz besonders. Weiße selbstgestrickte Baumwollstrümpfe und schwarze Samt- und Lackschuhe wurde angezogen. Und dann stand auch sie vor dem Spiegel. Die Mutter betrachtete sie mit kritischem, aber liebevollen Augen, zupfte noch da oder dort, mal vorne mal hinten, bis alles richtig saß. Noch die Perlenkette aus zwei oder mehr Reihen eng um den Hals gelegt, von einem Seidenband festgehalten und das Kirchweihsträußchen, ein Thujazweig mit bunten Bändchen – an´s Mieder gesteckt – und auch sie war fertig angezogen.

Lange vor Beginn des Tanzes war der Saal voll. Die Zuschauer drängten sich dicht an dicht und hatten die Bänke rundum bis auf den letzten Platz besetzt. Die Mädchen, zu dreien oder vieren ineinander eingehängt, stolzierten auf der spiegelklappen Tanzfläche umher. Sobald die Musiker sich auf ihre Plätze begaben, formierten sich die Mädchen zu einem großen Halbkreis und boten so einen wunderschönen Anblick, der nicht nur den Einheimischen, sondern auch den vielen Gästen unvergesslich blieb.

Inzwischen warteten die Buben im Bubenzimmer nervös auf den Beginn des Tanzes. Er wurde traditionsgemäß mit einer Schnellpolka eröffnet. Die Buben eilten auf ihre Kirchweihmädchen zu. Schnell hatte das erste Paar den Saal umrundet. Während die Musik aussetzte, steckte die Wirtin den beiden ein mit einem Seidenband geschmücktes Wachssträußchen an. Sie waren von nun ab “Straußbub” und “Straußmädchen” für die Dauer des Festes. Am Ende des ersten Tanzes steckten die Mädchen ihren Burschen ein im Taschentüchlein mitgebrachtes Sträußchen an. Es war ein Thujazweig, der mit gleichen Bändchen wie das ihre verziert war; auch sie waren von nun an “Kirchweihbub” und “Kirchweihmädchen”.

Es gehörte zum guten Ton, dass die Buben weiterspielen ließen. Der Straußbub machte den Anfang und nicht selten wurde der erste Tanz fünf bis sechs mal verlängert. Die Musikanten erhielten für jede Fortsetzung einen vereinbarten Betrag, den die Buben beim Vorbeitanzen entrichteten. Die Melodien in Walzer, Polka und Ländler wechselten schnell hintereinander, so dass die neugierigen Gäste, Mütter und Tanten Mühe hatten, dem Geschehen und raschen Wechsel der Paare auf der überfüllten Tanzfläche zu folgen.

Der Bischof, freundlich und interessiert, kam nach dem Nachmittagsgottesdienst in das Wirtshaus. Er bestaunte den Kirchweihbaum, unterhielt sich mit jungen Leuten, bewunderte die Mädchen in ihren herrlichen Trachten und lobte ihre Bereitschaft, die Sitten und Bräuche ihrer Vorfahren aufrecht zu erhalten. Im Männerzimmer saßen die Mannsleute beisammen, der Bischof mitten unter ihnen. Er sprach mit den Bauern, Handwerkern und Arbeitern, und erfuhr so eine Menge über die Ernteerträge, die Viehzucht sowie die Sorgen und Nöte der Einwohnerschaft. Gegen Abend verabschiedete er sich und ging mit dem Fahrrad nach Hause.

Aber auch alle anderen eilten nach Hause, und wie Nachtarbeit (Fütterung der Tiere) zu erledigen und um “Nacht” zu essen (Abendbrot). Gestärkt fand man sich gegen 20 Uhr zum Abendtanz ein, der schwungvoll mit einer Schnellpolka begann. Immer wieder ereiferten sich Buben und ließen weiterspielen, besonders dann, wenn sie ihre Partnerin gerne mochten oder ihr gefallen wollten. Auch die Zuschauer besetzten nach und nach ihre Plätze. Die Stimmung stieg. Es wurde gescherzt und gelacht. In den Männergemächer wurde gesungen, Gläser erklangen und die Kellner hatten alle Hände voll zu tun. Mitunter rief einer die Kapelle an seinen Tisch und ließ sich extra aufspielen. Vielfach tanzten sie im Kreis, hopsten und jauchzten dabei. Zur vorgerückten Stunde kam es dann auch mal vor, dass der eine oder der andere auf den Tisch stieg und mittanzte. Die Buben bemühten sich, mit ihren Freundinnen sowie Verwandten und Bekannten zu tanzen. Keine durfte vergessen werden. Etwas gemütlicher wurde jetzt, wenn die Kapelle gegen 22 Uhr auf Streichmusik umstellte.

Im Männerzimmer wurde an einigen Tischen Karten gespielt – Fuchs, Turak oder sonst was. Mit “Kontra” und ”Re” sowie harten Faustschlägen auf den Tisch, dass die Gläser klirrten, ging es laut her. An der Wand hing ein großes Bild. Es zeigte einen Männerkopf mit roter, langer Nase und glitzernden Augen. Darunter war in großen Buchstaben zu lesen: “Kiebitz halt´s Maul.”

Es galt denjenigen, die hinter den Spielern standen und allzugerne dreinreden wollten. Wer nie am Kartentisch gesessen hat, kann auch den Reiz nicht verstehen, vor allem nicht, dass man dabei durstig wird. Und wie er schmeckte, der “Mramoraker Sandwein”!. Ob es Schiller, Riesling, Gutedel oder roter Kadarka war, mit jedem Platz schmeckt er besser. Nicht nur den Kartenspielern, auch den anderen und ganz besonders unseren Gästen mündete der edle Tropfen. Nicht selten war der Durst größer als der Magen, die “Sandbrühe” stärker als die stärksten Männer, so dass manche einen zünftigen Rausch bekam und nur mit kräftiger Unterstützung seines Weibes das heimische Bett erreichte. So ähnlich war es aber auch schon bei unseren Großvätern, wie die Überlieferung erzählt:

Der alte Heinrich kam besoffen nach Hause, sternhagelvoll. Da sagt seine Frau: “Heiner du hast ja schon wieder einen Rausch. Das ganze Dorf schwätzt schon davon!!!” “Ja, ja”, stammelte der Alte, “ von meinem Rausch da schwätzen sie alle, aber von meinem Durst schwätzt kein Mensch.”

Gegen Mitternacht sammelten sich die Paare im Saal, bekamen einen Marsch gespielt und machten sich gruppenweise auf den Weg zum “Kaffee-Essen”. Vom Tanzen leicht verschwitzt und müde fühlten sie die Kälte der Nacht umso mehr. Die Mädchen hüllten sich in ihre Umhängetücher, die Bubenschlugen die Rockkragen hoch. Arm in Arm, fest aneinandergeschmiegt, gingen sie zum Elternhaus eines der Mädchen, wo sie bereits erwartet wurden.

Die Mütter hatten das “Kaffee-Essen” schon vorbereitet, der Tisch war gedeckt. Nachdem alle kräftig zugelangt hatten, zogen sich die Mütter zurück und ließen die jungen Leute allein. Sie waren nun unter sich und fühlten sich frei, nicht wie im Tanzsaal, wo jeder Schritt und jede Bewegung von neugierigen Argusaugen verfolgt wurde. Manche Umarmung, mancher Kuss und Zärtlichkeit fand ihren Anfang beim “Kaffee-Essen” und führte Jahre später zum Traualtar. Die Mädchen wechselten Kleider und Wäsche und auch die Buben zogen saubere Hemde an. Nach alter Gepflogenheit putzten die Mädchen ihren Burschen zum ersten Mal die Schuhe blitzblank. Ausgeruht und erfrischt kehrten die Paare gegen zwei Uhr wieder in ihr Stammwirtshaus zurück.



Nachdem die Paare ausgezogen waren und die Musikanten ihr wohlverdientes Mitternachtsessen beendet hatten, spielten sie erneut zum Tanze auf. Diesmal nicht für die Jugend, sondern für die Anwesenden. Die Männer vergaßen ihr Kartenspiel, eilten in den Saal und tanzten mit ihren Frauen, Bekannten und Verwandten. Flott und schneidig, mit viel Schwung und Ausdauer, schwebten sie mit ihren Partnerinnen dahin und bewiesen, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehörten. Nach und nach kehrten die “Kaffee-Esser-Paare“ wieder zurück und mischten sich unter die Tanzenden. Im Morgengrauen lichteten sich die Reihen. Die jüngeren Mädchen wurden von ihren Müttern nach Hause begleitet. Hatten sie sich bereits einen Burschen angelacht, gingen die Mütter voraus. Zu Hause angelangt, folgte nicht selten Mutters eindringliche Mahnung: “Bleib nicht so lange an der Haustür stehen!” Der erste Hahnenschrei war längst verklungen, bis auch der letzte frohe Zecher das Wirtshaus verlassen hatte.

Montag: Auch für die Kinder war Kirchweih. Sie hatten schulfrei und genügend Zeit, sich bei den Tschatren (Zelten) neben dem Kirchweihbaum aufzuhalten und alles genau anzuschauen. Zuckerl, Lebkuchenherzen, Kalkzucker (Türkischer Honig), Schokolade, Spielzeug, Gummibälle und sonstiger Kram stellten die Kleinen vor schwere Entscheidungen. Dicht neben dem Kirchweihbaum stand eine Schießbude, und in der Kreuzgasse war ein Ringelspiel (Karussell) aufgebaut. Einer oder zwei Dinar fest umklammert, die Hand tief in der Tasche, verglichen sie die Preise da und dort. Viel zu schnell war das Kirchweihgeld ausgegeben. Hing auch das kleine Herzchen noch so sehr an all den schönen Dingen, was nützte es? Großvater oder Großmutter könnten die Rettung sein. Ein oder wenigstens ein halber Dinar war dort sicher noch locker zu machen.

Nicht nur die Kleinsten hatten Geldsorgen, den großen Burschen ging es ebenso. Besonders der “Straußbub”, er war für die Kirchweihsaison der große Mann. Immer splendid ließ sehr oft weiterspielen, zahlte Bier- und Schnapsrunden für Musiker und Kameraden. Keiner wollte sich lumpen lassen und deshalb musste jeder schon frühzeitig mit dem Sparen beginnen. Wenn das wöchentliche Taschengeld nicht ausreichte und keine andere Möglichkeit bestand, legal zu Geld zu kommen, blieb als Selbsthilfe nur noch das “Fortschleppen”. Bei Nacht und Nebel wurden zwei bis drei Säcke mit Frucht (Weizen) gefüllt, zum Händler geschleppt und verkauft. Dies entsprach durchaus der Sitte, galt aber als Kavaliersdelikt.

Sorgfältig frisiert und gekleidet erschienen die Mädchen am Montagnachmittag in ihrer neuen Kirchweihröcken. Das bis dahin streng gehütete Geheimnis wurde nun stolz zur Schau gestellt. Die Farbenpracht war nicht zu überbieten. Man konnte sich nicht satt sehen an den wunderschönen, mit Blumen, Blättern, Kreisen, Streifen oder Tupfen gemusterten Stoffen. Die jeweils dazu passende farbige Seidenschütze war mit Spitzen durchsetzt und gab dem Gewand den letzten Pfiff.

Wieder drängten sich die Zuschauer, um das bunte Treiben aus nächster Nähe zu beobachten. Frauen und Mütter steckten die Köpfe zusammen und das große Rätselraten begann. Welcher Rock ist der schönste? Der aus hellem Kaschmir, der aus Batist oder der blaue? Der besonders schön gemusterte könnte aus Grenadin, Organdi oder Satin sein. Welcher wohl teurer war, der grüne oder der rosarote? Verständlich, dass jede Mutter ihre Tochter für die Allerschönste hielt; zumindest aber für eine der Schönsten an diesem Tage. Eines stand fest: Unter all den Fehlern hübschen jungen Mädchen in ihren wunderschönen Kleidern war die Schönste kaum zu ermitteln. Alle, die diesem bunten Treiben zusahen, empfanden es nicht nur als Modeschau, sondern als einen absoluten Höhepunkt des Festes.

Dann begann der Tanz, und die Menschen waren heiter und gelöst. Jeder freut er sich mit den anderen. Man gehörte einfach in eine diese Dorfgemeinschaft, wie einen Sommer lang zusammen geschuftet hatte und jetzt in gemütlicher Runde den Lohn der Arbeit genoss. Man hatte Nachsicht mit den Müttern und Tanten, die den Trubel auf der Tanzfläche genau registrierten. Noch lange danach wussten sie genau, wer mit wem wie oft getanzt und welcher Bursch welchem Mädel besonders tief in die Augen gesehen und es inniger an sich gedrückt hatte. Da es zur Tradition gehörte, dass die Mütter ihre Töchter auch zu den Tanzabenden begleiteten, die während des Jahres stattfanden, wusste jede Mutter aufgrund ihrer Beobachtungen, welcher Bub am besten zu ihrer Tochter oder welches welches Mädel zu ihrem Sohn passen würde. Sie saßen stundenlang, schauten zu und manche von ihnen dachte dabei: “Holt er sie jetzt oder holt er sie nicht? Holt er sie jetzt oder …?” Müde geworden fielen einigen die Augen zu, aber entgangen ist ihnen trotzdem nicht das Geringste.

Ob die Wünsche der Mütter bezüglich ihrer Kinder während dieser Tage in Erfüllung gegangen sind, ist zu allen Zeiten ein Geheimnis geblieben. Auch die zweite Nacht war lang und dauerte bis in die frühen Morgenstunden.

Am Dienstagvormittag machten sich die meisten Gäste nach dem Frühstück, mehr oder weniger gut ausgeschlafen, auf die Heimreise. Sie spannten ihre ausgeruhten Pferde vor die Wagen und trabten zufrieden mit sich und der Welt davon. Ein Erinnerungsfoto mit dem Straußbub, Straußmädel und Kameraden nahmen sie gerne mit. Es war auch für sie ein Erlebnis gewesen, von dem sie noch häufig erzählen werden.

Obwohl man sich wieder auf die Arbeit besann, spielte die Kapelle für die Nimmermüden abends noch einmal zum Tanz auf. Um Mitternacht war endlich Schluss!

Am darauffolgenden Sonntag wurde gegen vier Uhr nachmittags der Kirchweihbaum unter reger Beteiligung der Zuschauer ausgegraben und heruntergelassen. Die Buben, die ihn mit viel Geschick aufgestellt hatten, brachten ihn auch sicher zur Erde. Die Flaschen wurden abgenommen. Sie galten als Geschenk des Gastwirtes für den Straußbuben und seine Kameraden. Mit einem Abendtanz klang unser schönes Kirchweihfest aus.

Für den Leser und die heutige Jugend ist es sicherlich nicht mehr als ein Stück Vergangenheit. Uns, die wir damals als heranwachsende Menschen diese schöne Kirchweih mitgestalteten und mitfeiern, wird sie eine unvergessliche Erinnerung bleiben.



Quelle des Textes und der Bilder:

Feiler, Peter: Die Mramoraker und ihr Kirchweihfest. In: Bohland, Heinrich: Mramorak. Gemeinde an der Banater Sandwüste. Kehl 1980, S. 147 – 165.



 1,004 total views,  2 views today